Ob Geothermie, Speichertechnologien oder Grubenwasser: Die effiziente Nutzung des Untergrunds durch Energieversorger und Betriebe verlangt präzise Daten, innovative Methoden und ein tiefes Verständnis geophysikalischer Prozesse. Claudia Finger entwickelt am Fraunhofer IEG numerische Verfahren für seismische Daten, mit denen sich unterirdische Strukturen und Veränderungen zuverlässig überwachen lassen – kostengünstig, minimalinvasiv und mit deutlich höherer Aussagekraft als klassische Ansätze. Claudia Finger gestaltet das Fraunhofer IEG seit seinen Anfangstagen aktiv mit und leitet seit 2024 die Organisationseinheit Lagerstättengeophysik.
Geowissenschaften aus Neugier – und weil Probleme gelöst werden wollen
Claudia Finger schmunzelt, wenn sie sich an ihren Studienbeginn erinnert: »Ich wusste eigentlich gar nicht richtig, was Geowissenschaften sind.« Dass die gebürtige Bremerin dennoch an ihrer Heimat-Universität den Bachelor in diesem Fach absolvierte, war zunächst Neugier – und entwickelte sich schnell zu echter Leidenschaft für naturwissenschaftliche Fragestellungen mit Tiefe. Das Masterangebot in Bremen bot ihr jedoch nicht die Inhalte, die sie interessant fand. Gemeinsam mit ihrem Partner suchte sie deshalb nach einem anderen Standort. Die Wahl fiel auf die Ruhr-Universität Bochum (RUB), wo sie ihren Master in Geowissenschaften mit Vertiefung Geophysik absolvierte.
Nach dem Abschluss folgte eigenständige Forschung: Zunächst erhielt die Forscherin eine Doktorandenstelle im Geothermiezentrum Bochum – der Keimzelle des späteren Fraunhofer IEG. Claudia Finger promovierte an der RUB und schloss ihre Dissertation 2020 ab.
Mit dem Institut gewachsen
Als Claudia Finger ans Fraunhofer IEG kam, zählte die Institutsversammlung gerade einmal 20 Personen. Vieles musste neu aufgebaut werden: Strukturen, Prozesse, Organisation. »Es war eine Zeit, in der man unglaublich viel mitgestalten konnte.« Das dynamische Umfeld ermöglichte ihr früh die Übernahme von Verantwortung – fachlich, organisatorisch und später auch personell. Sie wirkte in Kundenprojekten und in verschiedenen Gremien mit und engagiert sich seit 2023 als Beauftragte für Chancengleichheit. »Ich hatte immer alle Möglichkeiten. Aber im Laufe meiner Karriere merkte ich, dass nicht jeder dieses Glück hatte und es doch einen Unterschied macht, ob man als Frau oder Mann in der Forschung arbeitet.« 2024 übernahm sie zusätzlich die Leitung des Competence Center Lagerstättengeophysik.
Numerische Methoden als Schlüssel – vom Reservoir bis zum seismischen Monitoring
Inhaltlich agiert Claudia Finger an der Schnittstelle von physikalischen Messprinzipien und numerischer Auswertung. Statt im Labor oder im Feld arbeitet sie vor allem am Computer. Ob unterirdische Reservoire oder Seismizität - ihr Ziel lautet stets: Methoden so weiterentwickeln, dass Kundinnen und Kunden frühzeitige Aussagen über den Zustand ihrer Systeme erhalten – um deren Wirtschaftlichkeit zu steigern oder zu erhalten.
Ein aktueller Fokus ist die passive Seismik als Alternative zur klassischen aktiven Messung. Sie erlaubt es, natürliche seismische Signale und daraus abgeleitete Geschwindigkeiten im Untergrund kontinuierlich und über einen langen Zeitpunkt kostengünstig zu bestimmen und mögliche Veränderungen – etwa durch Fluidinjektion in Reservoirs – frühzeitig abzuschätzen. »Wir passen Standardmethoden so an, dass sie für den Einzelfall deutlich mehr Information liefern.« Damit ließen sich nicht nur Risiken überwachen, sondern auch ökonomische Leistungsparameter beurteilen.
Von diesem Ansatz profitieren insbesondere kommunale und industrielle Kunden, die neue Geschäftsbereiche erschließen wollen – etwa Stadtwerke, die Unterstützung bei der Bewertung geothermischer Potenziale, Reservoirverhalten oder Kostenprognosen benötigen. Dank ihrer guten Förderquote entwickelt sie kontinuierlich ihre Grundlagenforschung mit akademischen Partnern weiter und kann fortlaufend ihre Methoden für die Anwendungen mit Unternehmenspartnern weiterentwickeln.
Fachlich tief – privat vielseitig
Neben der Forschung begeistert sich Claudia Finger für das wissenschaftliche Schreiben. Im Writers Club Geophysik arbeitet sie gemeinsam mit anderen Forschenden daran, wissenschaftliche Texte präzise, klar und zielgruppenorientiert zu formulieren. »Die Kunst besteht darin, Komplexität zu reduzieren, ohne den Inhalt zu vernachlässigen.«
Privat beschreibt sich die Kollegin selbst als Fantasy-Nerd – egal ob bei Büchern oder Games. Zum Ausgleich hätten die Tierfreundin und ihr Mann gerne einen Hund. Denn Hunde haben sie ihr Leben lang begleitet. Diesen Wunsch haben sie bisher nur wegen der Rahmenbedingungen aufgeschoben. Und dann müsse zunächst noch die gewünschte Hunderasse entschieden werden: »Er möchte einen Husky, ich am liebsten einen Australian Shepherd.« Vielleicht irgendwann.